Geschichte und Politik

Obwohl es Bolivien in seiner mehr oder weniger heutigen Form als unabhängige Republik erst seit knapp 200 Jahren gibt, wurden bereits Anzeichen auf menschliche Besiedelung in den Anden vor über 21.000 Jahren nachgewiesen. Im Laufe der Jahrtausende nach dem Ende der letzten Eiszeit begannen Menschen dort erstmals Tiere zu domestizieren, Feldfrüchte anzubauen (zB. bereits damals Quinoa und Kartoffeln) und erste religiöse Systeme zu entwickeln. Diese beruhten auf der dualistischen Beziehung zwischen Ordnung, die durch das heute noch kulturell und ökologisch bedeutsame Lama symbolisiert wurde, und Chaos, welches in dem leider immer seltener zu findenden Puma repräsentiert wurde.


Nach ersten Dorfgründungen um 2500 vor Christus entstanden, beginnend mit Chavín de Huantar, die ersten Hochkulturen. Auf dem Altiplano bildete sich dann eine der bekanntesten und heute noch als Grundstein der bolivianischen Geschichte zu bezeichnenden Hochkulturen, die Tiahuanaco, heraus. Wie bei fast allen altamerikanischen Gesellschaften gibt es leider keine schriftlichen Quellen, was es allerdings noch mysteriöser und rätselhafter macht, auch heutzutage noch in den Ruinen von Tiahuanaco herumzuschlendern.
Nach beeindruckender imperialistischer Ausdehnung des Reiches der Tiahuanaco bis ins 13. Jahrhundert hinein (vom Norden des heutigen Perus bis in den Süden in Teile des heutigen Chiles und den Norden Argentiniens) wurde der Hochkultur durch ein unbekanntes Ereignis (ökonomische Krisen durch zu schnellen Bevölkerungszuwachs, Naturkatastrophen oder Ähnliches) ein Ende gesetzt.


Damit begann die Organisation kleinerer Fürstentümer, woraus bald eine Vorherrschaft besonders der Aymara entstand. Dass sich das Inkareich im 15. Jahrhundert dann bei der Einverleibung eben jener dazu entschloss, sie ihre Sprache, Traditionen und Sitten behalten zu lassen, ist der Grund dafür, dass heute immer noch eine so große Zahl von Menschen in Bolivien, Peru und Chile (etwa 1,7 Millionen)  Aymara spricht und ihre Kultur in großen Teilen auslebt.

Mit dem Ende des Inkareichs und einem blutigen Bürgerkrieg - der Folge eines Geschwisterstreits um die Thronfolge - begannen nun spanische Konquistadoren das Reich zu erobern. Für die indigene Bevölkerung Südamerikas bedeutete das den Beginn einer völlig neuen, bis dato unbekannten Art der Unterdrückung.
Zum Symbol eben jener Unterdrückung ist der sog. Silberberg („cerro rico“) in Potosí geworden. Zum Nutzen der Spanier:innen und ganz Europa starben Hunderttausende in den zum Silberabbau genutzten Minen, bei deren Bau und an den katastrophalen gesundheitlichen Folgen der Arbeitsbedingungen. Reichtum und Elend standen sich gegenüber wie nie zuvor. Mit Potosí wurde aus der „Eingangspforte zur Hölle“ die „Stadt, die der Welt am meisten gegeben hat und am wenigsten behalten hat“.


Während der Boom in Potosí abzuflauen schien und die anschließend entdeckten Silbervorkommen in Oruro aufgebraucht waren, begann die koloniale Gesellschaft Mitte des 17. Jahrhunderts das erste Mal zu kriseln.
Besonders unter den Kreol:innen (Nachfolge der spanischen Kolonialist:innen) entstand mit der Zeit durch ständiges „Hereinregieren“ und „Hereinreden“ der Spanier:innen ein großer Wunsch nach Unabhängigkeit.
Unter der Führung des Unabhängigkeitskämpfers Simon Bolívar befreite sich Hochperu letztendlich von Spanien. Der Plan einer riesigen Republik nach US-amerikanischem Vorbild ging jedoch nicht auf. Der Wunsch der Einzelstaaten nach Abgrenzung  war deutlich größer als der nach einer großen Union. Aus Hochperu wurde also unter Zustimmung Perus und Argentiniens ein neuer Staat, benannt nach Bolívar, dem Nationalhelden so vieler. In der nun folgenden Zeit der Republik sollte sich jedoch, abgesehen von dem Bruch mit Spanien, hinsichtlich ökonomischer und sozialer Strukturen für längere Zeit wenig verändern. Die nun Regierenden waren die Nachfolge jener Kreol:innenen, die vorher an der Macht waren. Die Ausbeutung der Indigenen stellte sich als nicht weniger brutal und ignorant als vorher heraus.
Im sogenannten Salpeterkrieg mit Chile Ende des 19. Jahrhunderts (1879-1883) verlor Bolivien seinen Meereszugang, was heute noch häufig als „nationales Trauma“ bezeichnet wird. Am 23. März jeden Jahres wird der Tag des Meeres („Día del mar“) gefeiert und der Meereszugang zurückgefordert.

Nach einem erneuten Rohstoffboom, diesmal in Form von Zinn, und die hierdurch entstandene Verlagerung des Handelszentrums nach La Paz, fand ein Krieg statt, der eine Art Paradigmenwechsel für die Gesellschaft hervorrief, der sogenannte „dumme Krieg“. Der „Chaco“, eine tropische bis subtropische, in großen Teilen naturbelassene Region an der Grenze zu Paraguay, und andere Teile Paraguays sollten erobert werden, um von der eigenen wirtschaftlichen Krise abzulenken. Dank Unkenntnis der geographischen Situation musste das Heer über 2000 km zu Fuß tropisch-heiße Landstriche durchqueren. Der Krieg gegen Paraguay endete im Kampf gegen Durchfall, Typhus, Hitze und Tuberkulose mit 60.000 Toten, wodurch die Kriegsheimkehrenden einen Wandel einzuleiten suchten. Sie sorgten hiermit für eine Art Hochphase Boliviens in Sachen Literatur und Kunst. Der Krieg bot jede Menge Erzählstoff und prägte auch langfristig bolivianische Erzählkunst in Richtung Realismus und Naturalismus (bspw. bei Óscar Cerruto oder Adolfo Costa du Rels).


Aufgeladen durch ethnische und kulturelle Konflikte kam es immer wieder zu Konflikten, größeren Revolutionen und militärischen Coups. Als nach der Jahrtausendwende gegen den Verkauf der Erdgasvorkommen an US-amerikanische Konzerne protestiert wurde, setzte die Regierung das Militär gegen die Protestierenden ein und sorgte somit für immer mehr Solidarität anderer Bevölkerungsschichten mit den Protestierenden. Nachdem der damalige Präsident ins US-amerikanische Exil gedrängt wurde, kam sein Vizepräsident Carlos Mesa an die Macht. Jedoch nur für kurze Zeit. Im Juni 2005 wurde sein Rücktritt gefordert und nicht lange danach durchgeführt. Die Neuwahlen gewann der Anführer der Coca-Anbauenden und erster indigener Präsident Lateinamerikas Evo Morales der sozialistischen Partei MAS (Movimiento Al Socialismo). Er leitete die Verstaatlichung der Erdgasindustrie und einen nie dagewesenen Kampf für die Gleichstellung und Rechte der Indigenen ein. Eine besonders starke Bindung zu Morales verspüren aufgrund seiner Herkunft und Geschichte als Anführer der Coca-Anbauenden viele Indigene aus dem Hochland; aber auch außerhalb der Städte im Tiefland herrschte - und herrscht zum Teil immer noch - große Sympathie für Evo Morales.
Nach einer problemlosen Wiederwahl im Jahre 2009 und einer Verfassungsänderung im selben Jahr (die Verfassung sieht vor, dass ein:e Präsident:in lediglich zwei Perioden im Amt sein darf), kam es allerdings in der darauffolgenden Wahl zu Konflikten, da er und seine Partei, Morales und die MAS, dahingehend argumentierten, die Wahl 2009 habe bereits unter der neuen Verfassung stattgefunden und sei dementsprechend seine Erstwahl gewesen, während die Opposition sein erneutes Antreten als verfassungswidrig ansah. Trotz einer Volksabstimmung, dessen Ergebnis die Ablehnung einer erneuten Kandidatur war, erklärte das nicht unabhängige Verfassungsgericht die Wiederwahl als verfassungskonform. Nach erneutem Antreten Morales Ende 2019 kam es jedoch zu derartigen Protesten und Vorwürfen von Betrug und Verfassungswidrigkeit, dass er sich gezwungen sah, zurückzutreten und ins mexikanische Exil zu fliehen.

Zitat aus Pampuch und Echalars Bolivienporträt S.32

Während der grausamen Herrschaft der spanischen Kolonialist:innen: heutiges Territorium Boliviens